Auszeichnung der Vertiefungsarbeit von Alexandra Schaffer 2014

Beitrag von: am Sep 25, 2014 | Keine Kommentare

In meiner Generation war die Turn-Stunde das, was heute Sport-Lektion heisst.  Die Kraftübungen sind dieselben geblieben und Liegestütze strengen noch immer an. Ein 10-jähriges Mädchen fragt deshalb den angehenden Lehrer im Praktikum: „Dürfen wir auch Frauenliegestütze machen?“ „Ja, die Mädchen dürfen auch Frauenliegestütze machen“, antwortet er, ein Mann, schmunzelnd. Was lernen wir aus diesem Lehrerwort?

  1. „Frauenliegestütze“ heissen so, weil sie in der Ausführung nicht so viel Kraft       benötigen.
  2. Mädchen sind schwächer als Knaben.
  3. Von Knaben wird erwartet, dass sie stärker seien als Mädchen.
  4. Mädchen sollen sich nicht blamieren müssen, wenn sie die „echten“ Liegestütze mangels Kraft nicht hinkriegen, zu schwache Knaben hingegen schon.

Und wir fragen uns: Weshalb dürfen starke Mädchen „Frauenliegestütze“  machen? Wieso schwächere Knaben nicht?  Wer macht hier den Unterschied? Das Schulsystem? Der Lehrer? Die körperliche Entwicklung oder das Geschlecht der Kinder?

Mädchen werden in der Schweiz seit 40 Jahren in den gleichen Fächern geschult wie Jungen. Sie haben dieselben Unterrichtsziele und -inhalte. Sie haben gleichermassen Zugang zu allen schulischen und beruflichen Ausbildungsgängen. Formal besteht in der Schweiz Gleichstellung von Mädchen und Knaben. Zahlreiche Geschlechterstereotype unserer Gesellschaft blieben über Jahrzehnte dennoch erhalten und erschweren einen mädchengerechten und jungengerechten Unterricht.

Alexandra Schaffer geht in ihrer Arbeit „Mona mag Autos, Lars liebt Puppen“ den Unterschieden zwischen den Geschlechtern und der Unterscheidung der Geschlechter in der Schule nach und erforscht, woher es kommt, dass Mädchen und Jungen häufig entsprechend den überlieferten, gesellschaftlichen Stereotypen ungleich behandelt werden. Sie erkundet, was demgegenüber eine angemessene unterschiedliche Behandlung aufgrund verschiedenartiger Bedürfnisse von Mädchen und Jungen wäre. Mit ihren Fragen taucht sie in die Geschichte der Schule ein, geht biologisch begründbaren Verschiedenheits-aspekten nach und bezieht die sozialisierenden Umfeldeinflüsse mit ein, denen Mädchen und Knaben heute ausgesetzt sind.

Frau Schaffer, Sie haben uns mit Ihrer Arbeit beeindruckt, weil Ihre eigenen Beobachtungen im Schulalltag den Ausgangspunkt bilden, weil Sie Ihre persönlichen Wahrnehmungen hinterfragt haben,  weil Sie die Genderthematik in der Schule sorgfältig analysierten und schliesslich Veränderungsmöglichkeiten hin zu einer gendersensiblen Pädagogik praxisorientiert recherchierten. Sie ermöglichen mit Ihrer in die Tiefe gehenden Arbeit den Leserinnen und Lesern aus pädagogischen Berufen Selbstreflexion zu einem gesellschaftlichen Thema, das manche vielleicht gerne als erledigt und abgehakt betrachtet hätten. Dazu gratulieren wir Ihnen. Und dafür zeichnen wir Ihre Arbeit mit einer Prämie von 300 Franken aus.

Herbert Bühl, Präsident Verein phsh