Auszeichnung der Vertiefungsarbeit von Anja Lüthi und Lea Moser 2015

Beitrag von: am Jul 20, 2015 | Keine Kommentare

Wir kennen alle den Ausdruck „bergiffsstutzig“. Er bedeutet, dass ich etwas nicht begreife, von dem mein Gegenüber findet, dass ich es längst hätte begriffen haben sollen. Deshalb nennt es mich nun „begriffsstutzig“ und zwar im selben Augenblick, da ich ausstrahle, keine Ahnung zu haben, worum es geht, was bei mir unmittelbar Stress auslöst. Dieser wiederum besiegelt mein momentanes Versagen. Das heisst, auch wenn ich’s noch gewusst hätte, würde es mir nicht mehr einfallen.

Von einer Sache keinen Begriff zu haben, heisst hingegen, ein Phänomen nicht mit einem Wort etikettieren zu können, weil im Gehirn keine entsprechenden Verknüpfungen in den Nervenzellnetzwerken bestehen. Oder umgekehrt: Sie können zu einem Wort, dass Sie hören, keine innere Vorstellung abrufen. Machen wir ein Beispiel: Wenn ich Ihnen sage, Sie sollen nachher in der Wiese da draussen ein Kraut namens Bellis perennis pflücken, dann haben Sie womöglich ein Problem. Wüssten Sie, dass es sich bei Bellis perennis um Gänseblümchen handelt, würden Sie das Kraut ohne weiteres finden. Mit Worten lässt sich den Dingen eine Bedeutung geben.

So kommen wir zur Frage, mit der sich Lea Moser und Anja Lüthi in ihrer gemeinsamen Vertiefungsarbeit befasst haben: Wie baut sich beim jungen Menschen begriffliches Wissen auf und wie kann die Erweiterung des begrifflichen Repertoires im Kindergarten gefördert werden?

Geht man dieser Frage nach, muss man sich zuerst einmal darum kümmern, wie Lernen bei Kindern im Vorschulalter funktioniert, was dafür die Prinzipien und Strategien sind. Lernen basiert auf der Wiederholung von Erfahrungen und Erfahrungen machen Kinder mit all ihren Sinnen. Um wirkungsvoll zu begreifen, müssen die Kinder die Dinge anfassen, also im Wortsinn „begreifen“ dürfen, aber auch riechen, schmecken, hören und sehen. Und wenn Kinder – während sie eine Erfahrung machen – dabei Freude empfinden, lernt es sich leichter. Das gilt ähnlich auch für Erwachsene.

Jetzt wird nachvollziehbar, dass die beiden Studentinnen, nachdem sie die lerntheoretischen Grundlagen aufgearbeitet hatten, zum Schluss kamen: Kinder lernen gut, wenn sie spielen und besser, wenn sie gerne spielen. Sie fragten deshalb Kinder danach, welche Art von Spielen Freude bereitet und fanden heraus, was auch Sie interessieren dürfte:

– Kinder spielen nicht gern allein, sondern mit Vorlieb zu zweit oder in der Gruppe.

– Kinder gewinnen gern im Spiel, allein oder als Gruppe.

– Kinder bewegen sich gern während eines Spiels.

Nun denke Sie bestimmt an Fussball. Das sollten Sie aber nicht, denn Kinder finden die unterschiedlichsten Spielmaterialien interessant.

Nach weiteren Befragungen von Lehrpersonen der Vorschule und Erwachsenen zur Spielpraxis und Spielfreude, waren Frau Lüthi und Frau Moser in der Lage, Qualitätsfaktoren für Regelspiele zu formulieren, welche das Lernen von Begriffen fördern. Das war den beiden noch nicht genug. Sie begannen Spiele um „Zauber“ und „Hexen“ und deren „Ernährung“ zu entwickeln, stellten sie her und erprobten sie schliesslich in einem Kindergarten.

Sie werden es bemerkt haben, die Arbeit der beiden Studentinnen zeugt von einem langen Prozess, beginnend bei einer wissenschaftlichen Fragestellung und endend mit Produkten für den praktischen Vorschulalltag. Die beiden haben dabei wissenschaftliche Sorgfalt, Ausdauer, Akribie und Kreativität bewiesen. Ihre Herangehensweise, Durchführung und Ergebnis haben uns sehr überzeugt.

Ich gratuliere Ihnen, Frau Lüthi und Ihnen Frau Moser herzlich zu dieser Abschlussarbeit, die wir mit einer Prämie von 300 Franken auszeichnen.

Herbert Bühl, Präsident Verein phsh